10.08.2017

TEXTILES GOLD

Das Label «Prêt Pour Moi» zeigt als Showcase in der Eingangshalle der Messe Bern, wie junge Produzenten den Weg in die Selbständigkeit schaffen. Die Inhaberin Nadia Francioso erzählt, wie sie dazu kam Taschen und Bademode aus St. Galler Stickereien zu fertigen und weshalb sie jetzt den Schritt von B2C zu B2B wagt.

Nadia Francioso

 

Sie haben Psychologie studiert und später Kommunikation. Wie kamen Sie zur St. Galler Stickerei?
NF: «Prêt Pour Moi» ist ein Familienprojekt. Mein Bruder Gianfranco und seine Frau, die Textildesignerin Rachel de Lagenest, arbeiten bei der St. Galler Stickerei Bischoff Textil. Ich fand es stets schade, dass die kostbaren Stoffe zwar weltweit auf Laufstegen zu sehen sind, für unsereins aber unerschwinglich blieben. Für meine Marketing-Kommunikation-Diplomarbeit entwickelte ich deshalb ein Konzept, um aus den St. Galler Stickereien hochwertige Accessoires zu fertigen.
 

Wie wurde aus einem theoretischen Konzept schliesslich die Selbständigkeit?
Das ging schrittweise. Die Idee liess mich nicht mehr los und ich fertigte die «Pochette Intime», ein kleines Necessaire für die Handtasche. Danach folgten Hüllen für Mobiltelefone und Tablets. Ich erstellte eine Webseite mit Onlineshop, besuchte Publikumsmessen und es gelang mir, eine Stammkundschaft aufzubauen. Mit der grossen Handtasche – der Tote Bag «Mila» – im Sortiment schliesslich machte ich mich selbständig.
 

Wie wichtig sind nebst Webseite und Online-Shop Ihr Newsletter und Blog, die Sie selbst schreiben?
Damit bleibe ich sichtbar und halte den Kontakt zu meinen Kundinnen. Mein Kommunikations- und Psychologiestudium helfen mir dabei (lacht).
 

Und wie steht es um Ihre Nähkenntnisse, fertigen Sie Ihre Entwürfe selbst?
Wir produzieren all unsere Stücke in der Schweiz, ich selbst bin dafür aber nicht geduldig genug. Ich arbeite mit einer Schneiderin und einer Werkstatt, die Langzeitarbeitslose beschäftigt. Ich wähle alle Stickmuster selbst aus, lasse Lederimitat, Baumwoll- und Jeansstoff damit veredeln. In meinem Atelier schneide ich alle Stoffe selbst zu, damit möglichst wenige Reste entstehen – die Stickereien sind für mich wertvoller als Gold.
 

Gibt es einen Bestseller im Sortiment?
Die marinefarbene Tote Bag «Mila» mit einer Kamelien-Stickerei in Cinnamon verkauft sich am besten.

Tote bag

Weshalb wagen Sie nun den Schritt vom direkten Verkauf zu B2B?
Lange produzierte ich Kleinserien. Nun hat mein Label eine Grösse erreicht, die diesen Schritt möglich und sinnvoll macht. Denn ab nächstem Frühjahr erweitere ich meine Kollektion um Bademode.
 

Bikinis aus St. Galler Stickereien – das tönt nach einer Weltneuheit?
Das ist es auch (lacht). Ich schwimme selbst und suchte stets nach hochwertiger Bademode, die auch gut aussieht. Deshalb habe ich das Sortiment nun erweitert, ab Frühjahr 2018 gibt es «Prêt Pour Moi»–Badeanzüge und Bikinis in vier Farbkombinationen, mit einer romantischen Mille Fleurs-Stickerei. Die Stücke sind in vier Grössen erhältlich und lassen sich in der Maschine bei 30 Grad waschen.

Ungewöhnlich ist auch ihr Finanzierungsmodell: Sie setzen dafür auf eine eigens lancierte Crowdfunding-Kampagne?
Die neue Bademode-Kollektion ist ein grösseres  Vorhaben. Um die Produktion in einer Schneiderei in Lugano zu starten, benötigen wir bis Mitte Oktober ein Starkapital von 20000 Franken. Deshalb verkaufen wir nun 50 Gutscheine à 400 Franken – sie können für Bikinis oder Badeanzüge, aber auch für andere Produkte aus unserem Sortiment eingesetzt werden. 

Und was erwarten Sie von der Ornaris?
Viele neue Kontakte, gute Gespräche und regen Austausch. Und falls sich jemand interessiert, in das Bademode-Geschäft einzusteigen, umso besser.